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20 Jahre Kroll Ontrack in Deutschland – Peter Böhret im Interview (Teil 2)

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Im ersten Teil des Interviews mit Peter Böhret, Managing Director der Kroll Ontrack GmbH in Böblingen und Vice President DST von Kroll Ontrack weltweit, sprachen wir über die Anfänge der Datenrettungsspezialisten in Deutschland. Jetzt möchten wir auf die Zukunft der Datenrettung und des Unternehmens in Deutschland zu sprechen kommen:

 

 

Peter Böhret

Redaktion: Wie sehen Sie das Geschäft mit der Datenrettung heute? Und wie ist Kroll Ontrack in Böblingen für die Zukunft aufgestellt?

P. Böhret: Generell sehen wir zwei grundsätzliche Trends: Erstens können wir feststellen, dass bis vor drei Jahren die Anzahl der verkauften Festplatten jährlich zweistellig gewachsen ist und zudem seit etwa vier Jahren ein Durchbruch beim Absatz der SSD-Speicher festzustellen ist. Diese erst vor einigen Jahren gekauften und eingesetzten magnetischen HDDs werden erst in der Zukunft ausfallen, denn mit jedem Tag im Einsatz wächst eben auch das Ausfall-Risiko. Das gleiche gilt für die SSDs. Auch ihre Lebensdauer ist endlich. Bei SSDs gibt es zwar keine mechanischen Teile, die kaputtgehen können, aber das heißt nicht, dass es hier nicht zu Ausfällen kommen kann. Hier sind es dann elektronische Teile wie die Spannungsversorgungseinheit oder der Chip-Controller, die versagen können. Egal, ob es sich also um mechanische Speicher, wie HDDs oder Tapes, oder um Chip-basierte, wie SSDs oder Flash-Speicher handelt, wir können mit unserer über die Jahre gesammelten Expertise auch in den kommenden Jahren von Datenverlust Betroffenen professionell und umfassend helfen. Zweitens gibt es den High-End-Bereich, also Storage- und virtuelle Systeme oder auch Mischformen. In diesem Bereich kann man mit Fug und Recht sagen, dass wir bei solch komplexen Systemen führend bei der Datenrettung sind. Das liegt auch daran, dass wir mit vielen Herstellern dieser Systeme intensive Partnerschaften unterhalten und somit leichter an das notwendige Knowhow gelangen, als andere Dienstleister und somit auch erfolgreicher Daten retten können.

Redaktion: Das bedeutet, Sie sehen keine Herausforderungen bei Ihrem Datenrettungsgeschäft?

P. Böhret: Nun, dass würde ich so nicht sagen. Wir befinden uns seit circa drei Jahren in einer Konsolidierungsphase bei der Datenrettung. Das bedeutet, dass es in diesem Bereich nicht mehr zu einem stetigen Wachstum kommt, wie wir das bisher gewohnt waren, sondern dass wir auf dem derzeitigen Niveau stehen bleiben. Das hat vielerlei Gründe, aber einige sind offensichtlich und schlagen schon auf unser Geschäft durch: Zum einen sehen wir, dass die Flash-/SSD-Technologie sich sehr schnell verbreitet, und wenn sie auch nicht 100% sicher ist, so ist sie doch weniger störanfällig als die traditionellen HDDs. Darüber hinaus geht der Trend mehr und mehr zu mobilen Geräten mit Cloud-Backup-Anbindung. Das heißt, dass die Daten oft kontinuierlich gesichert und so vor Ausfall  besser geschützt werden. Auf der anderen Seite allerdings ist die Komplexität der modernen und großen Storage-Systeme weiter gestiegen  und hier sind menschliche Fehler, wie z.B. Bedienungsfehler, immer wieder eine Quelle für Datenverlust. Bei diesen Systemen ist es in vielen Fällen kaum noch möglich, dass die Anwender ihre Daten selbst retten können. Ganz im Gegenteil – oftmals verschlimmern sie die Situation noch. Hier ist also auch weiterhin Bedarf für professionelle Datenrettung.

Kontinuierlich erweitern wir unser Portfolio. Zunächst mal haben wir das Angebot in unserem Data Storage Technology (DST) Bereich frühzeitig ergänzt. Neben der Datenrettung und der Datenlöschung liegt einer unserer Schwerpunkte auf dem Tapemanagement. Wir sehen bereits seit einiger Zeit, dass Unternehmen bei dem Management Ihrer Archiv-Daten vor großen Herausvorderungen stehen. Das Management von alten Tapes ist oft teuer, da für mögliche Restores sowohl das Know-How als auch die Infrastruktur für alte, und zum Teil sich nicht mehr im Betrieb befindliche, Systeme vorgehalten werden muss. Dafür haben wir mit Ontrack DataAdvisor unsere jüngste Lösung entwickelt und letztes Jahr erfolgreich auf den Markt gebracht.

 

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Redaktion: Aber die Erweiterung der Tape-Services allein ist nicht alles, womit Sie Kroll Ontrack in die Zukunft führen wollen, oder?

P. Böhret: Nein, sicherlich nicht. Das ist nur ein Beispiel, wie wir hier im Hause unser Dienstleistungs- und Produktportfolio permanent erweitern. Ein weiterer wichtiger Bereich ist bereits seit Jahren die Legal Technology (LT). In diesem Bereich haben wir unser zweites Standbein – die Unterstützung von Anwälten und Rechtsabteilungen von Firmen etc., durch den Einsatz von speziellen Softwarewerkzeugen und Technologien, bei der Sichtung, Durchsuchung, Bewertung  und Auswertung großer Mengen von Dokumenten. Gleichzeitig sind wir auch ein bedeutender Anbieter von Computer Forensik Dienstleistungen. Diese kommen dann zum Einsatz, wenn es z.B. darum geht, Behörden bei der Strafverfolgung zu unterstützen und im Rahmen von Gerichtsverfahren Daten und Datenträger als Beweismittel wiederherzustellen. Ein weiteres Feld hier ist darüber hinaus auch der Bereich Document Review, wo es darum geht, im Rahmen von internen oder externen Prüfungen große Mengen an Daten so zu filtern und auszuwerten, dass sie im Rahmen einer juristischen Auseinandersetzung als Beweismittel eingesetzt werden können. Gerade in diesem Bereich haben wir in den letzten zwei Jahren einige große Aufträge erhalten, die wir mit Hilfe zusätzlich eingestellter Spezialisten bearbeiten.

Redaktion: Was war denn der größte Erfolg am Standort Deutschland für Kroll Ontrack?

P. Böhret: Sicherlich war der größte Erfolg, Kroll Ontrack zum führenden Datenretter in Deutschland zu machen und diese Position auch sicher zu behaupten. Außerdem ist es uns von Böblingen aus gelungen, in der Schweiz, Italien, Polen und in den nordischen Ländern wie Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden Fuß zu fassen und zu expandieren. Vor neun Jahren haben wir zum Beispiel eine eigene Niederlassung in der Schweiz mit eigenem Reinraumlabor gegründet, die von Böblingen aus geleitet wird. In Italien haben wir ebenfalls eine Niederlassung mit jetzt 20 Mitarbeitern aufgebaut, die eigenständig agiert. Das zeigt, dass wir von Böblingen aus in den letzten 20 Jahren eine Menge an Knowhow und Unterstützung in andere europäische Niederlassungen geliefert haben und das hatte ich mir am Anfang nicht träumen lassen.

Redaktion: Daran schließt gleich diese Frage an: Wo steht Kroll Ontrack in fünf Jahren? Oder wagen Sie sogar eine Prognose für die nächsten 20 Jahre?

P. Böhret: Nun, wo wir in 20 Jahren stehen werden, das wage ich nicht vorherzusagen. Dafür ist der Zeitraum einfach zu lang. Aber eine Prognose für das Jahr 2021 traue ich mir schon zu: Ich sehe Kroll Ontrack Deutschland auch in 5 Jahren im Bereich der Datenrettung als das führende Unternehmen am Markt. Was man allerdings schon sagen kann, ist, dass der Bereich in den nächsten Jahren nicht mehr wie bisher wachsen, sondern eher auf dem derzeitigen Niveau verbleiben wird. Deshalb ist es auch, wie bereits gesagt, für uns sehr wichtig, dass wir als Kroll Ontrack weiter unser Geschäft auf verschiedene Standbeine stellen und neue Angebote auf den Markt bringen. So gehe ich davon aus, dass wir in diesem Zeitraum beispielsweise weitere (Software-) Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringen werden, die so zum Erfolg des gesamten Unternehmens beitragen werden.

Zudem gehe ich auch davon aus, dass wir es in den kommenden fünf Jahren schaffen werden, im Dokument Review Bereich als Teil von Legal Technology mit zu den führenden Firmen in dieser Branche zu gehören. Ich sehe den gesamten Bereich der eDiscovery im deutschsprachigen Raum immens wachsen. Zudem erwarte ich auch, dass uns auch der Brexit zusätzliches Geschäft bescheren wird. Insgesamt sehe ich uns hier in diesem Zeitraum in die Top 4 der Anbieter auf dem deutschen Markt vorzustoßen und so den Abstand zu den großen weltweit agierenden Unternehmensberatungen deutlich zu verringern.

Redaktion: Herr Böhret, wir danken für das informative Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute für die kommenden Jahre bei Kroll Ontrack.

P. Böhret: Vielen Dank für das Interview.

Bildnachweis: Kroll Ontrack GmbH