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Alles Wissen auf einem Stück Glas

Wird es uns gehen wie den Etruskern? Dieses hochentwickelte Volk lebte von 800 bis 100 vor Christi Geburt im heutigen Mittelitalien. Die Etrusker waren geschickte Handwerker, Landwirte und Händler, sie kannten sich mit Metallverarbeitung aus und waren hervorragende Töpfer. Ihre Städte hatten Straßen, Wasserversorgung und Kanalisation. Aber woher kamen sie? Wohin verschwanden Sie? Das ist nicht ganz klar, darüber wird immer noch gestritten. Es gibt nur ganz wenige erhaltene Schriftstücke – in erster Linie Grabinschriften – die Licht ins Dunkel bringen könnten.

Was das mit uns zu tun hat? Möglicherweise eine ganze Menge. Auch aus unserer Zeit werden Archäologen in der Zukunft nicht viel von dem finden, was wir heute an Information produzieren. Anschaulich wird das am Beispiel des Fotoalbums. Von Eltern und Großeltern gibt es sicherlich Bilder, die fein säuberlich in ein Album geklebt und beschriftet wurden. Diese Bilder kann man auch noch in etlichen Jahrzehnten ansehen, auch wenn sie schon einige Jahrzehnte alt sind. Was aber passiert mit unseren Fotos, die sich auf Festplatten, Speichersticks oder CDs befinden? In einigen Jahren oder Jahrzehnten sind diese Daten nicht mehr lesbar – entweder ist der Datenträger unbrauchbar, das Datenformat veraltet oder es ist keine Hardware zum Auslesen mehr vorhanden.

An der Lösung dieses Problems wird weltweit gearbeitet. Wissenschaftler haben vor wenigen Jahren eine Disk aus Glas erfunden, auf der Daten theoretisch unendlich lange gespeichert bleiben. Mit Lasern werden die Informationen in Form dreidimensionaler Strukturen – sogenannter Voxel – ins Glas geschrieben. Ähnliches bietet eine Firma in Villingen-Schwenningen an: eine Disk aus bruchfestem Glas, die DVD-kompatibel ist und auf standardisierten DVD-Geräten abgespielt werden kann.

Einen anderen Weg geht das österreichische Archivprojekt “Memory of Mankind” (MOM). Wichtige Dokumente werden auf Keramiktafeln gebrannt und dann in einem ehemaligen Salzbergwerk gelagert, was die Daten hunderttausende von Jahren sichern soll.

Gut bewährt hat sich der Mikrofilm. Auf diese Weise werden seit Jahrzehnten in Bibliotheken und Archiven Daten gespeichert. Die wichtigsten Dokumente der deutschen Geschichte sind auf diese Weise im Barbarastollen bei Freiburg im Breisgau eingelagert. Insgesamt 27.000 Kilometern Mikrofilm werden dort bombensicher aufbewahrt. Das Problem des Mikrofilms liegt im Niedergang der Filmfabriken, der mit der Digitalfotografie eingesetzt hat.

Aber auch der Mensch selbst steht der Datensicherung im Wege. Während früher noch zweimal überlegt wurde, bevor der Auslöser gedrückt wurde wird heute gerne dreimal geknipst – man kann die Bilder ja wieder löschen. So werden in Europa geschätzte 20 Milliarden Digitalbilder pro Jahr aufgenommen – aber nur ein Fünftel davon wird auch ausgedruckt. Der Rest ruht auf irgendeinem digitalen Speichermedium und ist irgendwann vergessen. Dagegen will jetzt eine Software angehen, die Fotos automatisch sortiert, wobei Informationen, die bei jedem digitalen Bild automatisch mit abgespeichert werden, benutzt werden.

Auch wissenschaftliche Daten verschwinden. Eine Studie der University of British Columbia zeigt, dass vier Fünftel der Forschungsdaten einer Veröffentlichung schon nach 20 Jahren nicht mehr vorhanden sind.

Es könnte uns sehrwohl wie den Etruskern gehen. Möglicherweise können in ferner Zukunft über das frühe digitale Zeitalter nur Mutmaßungen angestellt werden, weil lesbare Daten kaum vorhanden sind.

Bild: Etruskischer Schriftzug – Bildquelle: Wikipedia – Autor: Manuel Strehl