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Big Brother in Peking

Überwachung

Vor einiger Zeit kündigte Amazon an, Waren verschicken zu wollen, bevor sie bestellt wurden. Möglich soll das durch die Auswertung aller Daten werden, die der Konzern über seine Kunden gesammelt hat. Aus diesen extrahieren clevere Computerprogramme, was ein bestimmter Interessent mit welcher Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft bestellen wird.

Die chinesische Regierung war fasziniert von der Idee. Wenn es möglich wäre, das Verhalten der eigenen Bevölkerung auf diese Weise vorhersagen zu können, wäre das Regierungsgeschäft sehr viel einfacher.

Gesagt, getan. Da die Regierung in Peking ohnehin Zugriff auf (fast) alle Daten ihrer Bürger hat und sie sich auch auf Privatunternehmen wie Alibaba, Baidu und Tencent stützen kann werden nun alle denkbaren Quellen angezapft: Internet-Suchanfragen und Kreditkartenkäufe, Reiseanfragen und Beiträge auf Facebook, Einkäufe im Netz, Kranken- und Gerichtsakten und so weiter. Sämtliche möglichen Datenbanken werden miteinander verknüpft, Computer werten die Informationen aus. Geld spielt dabei keine Rolle.

Ein Bewertungssystem wurde eingeführt, das momentan im Kreis Suiding in der Provinz Jiangsu mit einer Million Menschen getestet wird. Jeder der unfreiwilligen Teilnehmer bekam ein Startkapital von 1000 Punkten. Wer sich gut benimmt und sich im Sinne des Volkes (sprich: der Partei) verhält, bekommt Punkte gutgeschrieben. Wer sich daneben benimmt, bekommt Punkteabzug.

Wenn sich ein Bürger nicht um seine alten Eltern kümmert, ergibt das ein Minus von zehn Punkten. Die Teilnahme an einer Demo gegen die Regierung wiegt noch um einiges schwerer. Das Einbringen von (un)berechtigten Petitionen oder das Verbreiten von „Gerüchten“ auf Internet-Plattformen wird ebenfalls bestraft. Wer dagegen ausländische Investoren dazu bringt, Geld im Land anzulegen, bekommt Pluspunkte. Ebenso der, der eine staatliche Medaille erhält.

Je nach Punktestand können die Bürger entweder auf eine Vorzugsbehandlung hoffen oder müssen Nachteile erwarten. Betroffen sein könnten beispielsweise die Vergabe von Krediten, Arbeits- oder Studienplätzen. Steuernachlässe für „brave“ Bürger sind genauso vorstellbar wie verbesserte Reisemöglichkeiten. Momentan ist man in der Testregion noch in der Phase der Punktesammlung, auf die Auswertung muss noch gewartet werden. Vom endgültigen Punktestand wird ungeheuer viel abhängen. Er soll künftig wohl über soziale Leistungen, Ausbau von Bildungseinrichtungen und des Gesundheitswesens entscheiden.

Die totale Überwachung wird von vielen Bürgern sogar positiv aufgenommen. Denn auch für Mülltrennung oder die Schaffung neuer Arbeitsplätze gibt es gute Punkte. Peking spricht übrigens ganz offen über die neue Art der totalen Durchleuchtung ihrer Bürger. Kein Wunder: Die Obersten sind so begeistert von dem System, dass darüber nachgedacht wird, es an andere autoritäre Staaten zu verkaufen.

Bildquelle: blickpixel / pixabay