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Das gläserne Auto

Autofahren sicherer zu machen ist lobenswert. Autos dafür zu vernetzen macht Sinn. Sie dadurch für Hacker-Angriffe anfällig zu machen ist weniger erbaulich.

Der Albtraum eines Autofahrers: das eigene Auto lenkt plötzlich von selbst irgendwohin – und die Bremsen funktionieren nicht mehr. Das kann passieren, wenn ein Profi-Hacker seine Hand im Spiel hat. Es gibt Cracks, die es schaffen, bei einem beliebten Hybrid-Wagen sämtliche Anzeigen im Armaturenbrett nach Gutdünken zu verstellen. Und sie können (bisher allerdings nur per Kabel) das Auto per Fernsteuerung lenken. Bluetooth oder GSM werden in Zukunft die Rolle der festen Verbindung übernehmen und schon ein einfacher Sensor im Rad, der zuständig für das Versenden der Luftdruckdaten ins Cockpit ist, kann zur Infiltration von Schadsoftware benutzt werden. Was es für Konsequenzen haben kann, dass mehr und mehr KFZ bereits ab Werk mit einer SIM-Karte ausgerüstet werden, über die Assistenz- und Multimediasysteme mit Informationen versorgt werden können, kann man sich ausmalen.

Mehr noch: Car-to-Car-Kommunikation ist bald zur Serienreife entwickelt. In einigen Jahren sollen sich Autos gegenseitig via Funkstrecke vor Gefahren warnen, sogar im Notfall selbstständig bremsen. Hacker freuen sich schon, da sich jedes Sicherheitssystem überlisten lässt, es wurde ja von Menschen entwickelt. Und Menschen machen nun mal Fehler. Ein Trost: Die Bordelektrik eines Fahrzeugs zu knacken ist extrem aufwendig, selbst Spitzen-Hacker benötigen dazu Monate. Fahrzeuge im großen Stil zu manipulieren ist also nicht sehr wahrscheinlich.

Was heute schon an Informationen über Kunden eingeholt werden kann, ist erstaunlich. So ist es möglich, bei einem Elektrofahrzeug die Auflademöglichkeit des Akkus sperren, wenn der Kunde mit seinen Leasingraten für den Akku in Rückstand gerät. Wenn man sich vor Augen hält, dass in einem besser ausgestatteten KFZ heutzutage 60 bis 80 elektronische Steuergeräte werkeln, die alle ihre Daten ans Werk (oder sonst wohin) übermitteln könnten, kann einem schon flau im Magen werden.

Eine für Außenstehende vernünftige Funktion von benutzten Daten sieht man bei Google maps. Dort zeigt der Reiter „Verkehr“ in den Farben Grün, Gelb, Rot und Schwarz die Verkehrsbelastung an. Ausgewertet werden elektrische Geräte, bei denen der Besitzer über seinen Google-Account eingeloggt ist. Darüber hinaus gibt es eine Menge an Apps, die Auto-Funktionen fernsteuern und natürlich auch Daten auslesen können. Wer allerdings dann diese Daten besitzt kann ist nicht immer klar zu erkennen, bekannt ist aber die Datensammelwut einiger Apps. Da Infotainment-Angebote über Handys in Zukunft vermehrt Einzug ins Auto halten werden könnte Google bald auch unsere automobilen Vorlieben und Gewohnheiten kennen.

Künftig wird es – so ist es vom Gesetzgeber bestimmt – mehr Datenverkehr geben. Das automatische Notrufsystem eCall wird 2015 für Neuwagen Pflicht. Es soll dazu dienen, die Zeit zwischen Unfall und dem Eintreffen von Rettungskräften so klein wie möglich zu halten. Was aber die angekündigten „zahlreiche Zusatzdienste“ bei eCall beinhalten, könnte interessant werden. Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft jedenfalls will standardisierte Schnittstellen und die anfallenden Daten für „alle unabhängigen Marktteilnehmer“ zugänglich machen. Es ist problemlos möglich, die Geschwindigkeit, die Fahrtrichtung oder die Benutzung des Blinkers zu speichern – und auszuwerten. Unser eigenes Auto könnte uns nach einem Unfall verpfeifen – ein Autofahrer-Albtraum.

Selbst der für Werkstätten so nützliche Fehlerspeicher – den heutzutage so gut wie jedes KFZ besitzt – kann nicht nur ausgelesen werden. Über die Schnittstelle des Speichers lassen sich auch Daten versenden Und Daten sind schließlich das Gold des 21. Jahrhunderts.

Bildquelle: ©iStockphoto.com / Alex Belomlinsky