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Datenrettung in der Praxis (3) – Wie läuft es bei Magnetbändern ab?

Datenrettung

Digitale Magnetbänder zur Speicherung von Daten sind nicht totzukriegen. Ganz im Gegenteil: Viele Unternehmen setzen sie nicht nur seit Jahrzehnten erfolgreich ein, sondern auch neue Firmen denken in Zeiten von immer schneller wachsendem (Big) Data über einen Einsatz nach. Die Vorteile liegen auf der Hand: Im Vergleich zu Festplatten und Speicherchip-basierten Storages überzeugen Magnetbänder mit ihren verhältnismäßig geringen Kosten pro Gigabyte Speicher, der besten Haltbarkeit und Lebensdauer aller Speicher (bis zu mehr als 30 Jahren), der ausgereiften Technik und der geringen Energiekosten. So nimmt es kein Wunder, dass Unternehmen gerade heutzutage erneut auf Tapes zurückgreifen.

Allerdings hat sich das Einsatzspektrum in den letzten Jahren verschoben: Zwar erreichen einige Tape-Lösungen bereits fast so schnelle Zugriffszeiten wie Storage-Systeme auf Festplatten-Basis, aber die längere Dauer, die es braucht um auf Daten eines Magnetbandes oder mehrere zuzugreifen, führt dazu, dass Tapes nicht mehr für Backups eingesetzt werden, sondern für die Langzeitarchivierung. Heutzutage sind deshalb Tapes vorrangig bei der Archivierung zu finden oder es handelt sich um alte – manchmal sehr alte – Legacy-Tapes, die in Unternehmensarchiven aufbewahrt werden und von denen kaum bekannt ist, was auf ihnen vor 10, 20 oder 30 Jahren einmal gespeichert wurde.

An dieser Stelle kommen solche spezialisierten Tape-Datenretter wie ich ins Spiel. Ich arbeite seit fast 20 Jahren bei Kroll Ontrack in Böblingen und habe mich von Anfang an mit der Datenrettung von Magnetbändern auseinander gesetzt. Dabei ist meine Aufgabe, sowohl mechanisch als auch logisch Daten von „veralteten“ Tapes, Bandsystemen und/oder Tape-basierten Backup-Lösungen wiederherzustellen. Wenn man bedenkt, dass das Magnetband fast 50 Jahre auf den Buckel hat, kann man sich vorstellen, wie viele Technologieschübe dieses Medium bereits hinter sich hat. So gibt es allein mehr als 20 verschiedene Magnetband-Medien-Formate, die seit den Anfängen eingeführt wurden. Hinzu kommen die verschiedenen Hersteller von Magnetbandlaufwerken, deren Produkte nicht immer kompatibel mit den Medien anderer Hersteller sind oder waren, obwohl sie offiziell das gleiche Bandformat unterstützten. Und schließlich gab es in den vergangenen Jahrzehnten eine Vielzahl unterschiedlicher Backup-Software und Archivlösungen, deren Daten auf den Tapes abgespeichert wurden und die es jetzt zu „retten“ gilt.

Datenrettung

Dabei sind die Gründe zur Wiederherstellung von Daten recht unterschiedlich: Mal sollen Daten von gelagerten Tapes im Rahmen einer Firmenübernahme wiederhergestellt werden, um sich einen Überblick über alle Projekte und Dokumente zu schaffen, mal müssen den Ermittlern im Rahmen einer Untersuchung oder eines Rechtstreits Daten eines lange zurückliegenden Ereignisses zur Verfügung gestellt werden, und manchmal will das Unternehmen im Rahmen eines länger geplanten Wechsels der Archivlösung alle Daten in ein neues – lesbares – Format migrieren. So oder so – die Tape-Daten müssen von dem alten Band ausgelesen, überprüft und gespeichert werden, um dann verwendet oder weiterverarbeitet werden zu können.

Wie geht ein Tape-Retter vor?

Wie schon zuvor angedeutet, bieten wir eine Fülle an Dienstleistungen innerhalb unserer Tape-Services an, sodass wir nicht nur Daten wiederherstellen, indem wir migrieren, sondern wir extrahieren auch Daten, erstellen Kataloge für das alte oder neue System, führen eine Duplikation oder De-Duplikation durch oder Überführen die Tapes in ein neues Bandformat und die Daten in ein neues Dateiformat, die sogenannte Konversion. Aus diesem Grund gibt es eben nicht das  typische Tape-Projekt, sondern eine Vielzahl von Variationen. Aber egal welches Ergebnis am Ende gewünscht wird, wir beginnen immer mit einer Machbarkeitsanalyse. Und die ist bei lange gelagerten Magnetbändern immer verbunden mit umfangreichen Tests, ob sie noch funktionsfähig und lesbar sind.

Manchmal kann es bei Tapes zu Verschleiß kommen. Wenn die Lager-Temperatur nicht optimal war, kann es zu Nässebildung und damit zu Oxidation auf dem beschichteten magnetisierten Bandträger kommen. Die Folge ist, dass die Bänder verklebt sind und vorsichtig voneinander abgelöst werden müssen. Wenn es zu warm war, kann es ebenfalls zu Verklebungen oder sogar zu Auflösungen kommen. Schmutz und Staub können ebenfalls an die beschichteten Bänder gelangt sein und sich festgesetzt haben.

Der erste Schritt nachdem die Bänder im Tape-Labor sind, ist deshalb erstmal festzustellen, wie gut sie in Schuss sind. Nach einer umfangreichen Reinigung und manchmal auch Reparatur der Bänder kann dann versucht werden, sie auf der originalen Hardware auszulesen. Allerdings nie ohne zuvor und danach passende Reinigungskassetten einzusetzen. Mehr als 500 verschiedene Tape-Laufwerke aller namhaften Hersteller und anderes Band-Equipment stehen uns allein im deutschen Tape-Labor zur Verfügung. In den anderen Standorten haben wir weitere Ausrüstung zur Verfügung auf die wir bei Bedarf zurückgreifen können. So verfügen wir über sehr viel mehr Möglichkeiten als beispielsweise ein Privatanwender oder ein semiprofessioneller Tape-Datenretter und können dadurch zwischen 90 und 100 Prozent der Daten von Bändern auslesen, während unsere „Konkurrenz“ bereits bei den ersten Lesefehlern aufgeben muss.

Wie auch bei der Datenrettung einer Festplatte oder eines SSD-/Flash-Speichers lesen wir das Band aus und speichern das Ergebnis auf unseren Kroll Ontrack Servern.  So gelingt es uns mit unseren eigenen Tools und ohne dass wir die original Backup-Lösung (wie z.B. Archserve, Commvault oder Netbackup) installiert haben, dass wir die Daten direkt von Band auf lokale Platten oder Server kopieren können. Nachdem ich also alle Daten von einem Tape oder mehreren Tape-Sets auf unseren Server kopiert habe, geht es anschließend an die Datenrettung. Und die kann entweder relativ einfach und schnell gehen oder eben schwer und zeitaufwendig sein.

Datenrettung - Team

Armagan Cekmez, Tape Data Recovery Engineer Kroll Ontrack Böblingen

Ein typisches Beispiel ist ein Fall, in dem ein Unternehmen rund 65 Magnetbänder in den Formaten LTO 3 und LTO 4 hatte und im Rahmen einer internen Untersuchung alle enthaltenen E-Mails extrahiert und durchsuchbar haben wollte. In diesem Fall wurde die Tape-Recovery beim Unternehmen vor Ort durchgeführt, da der Kunde ausschließen wollte, dass Daten das Firmengelände verlassen. Ein weiterer Fall war der eines IT-Dienstleisters, der für einen namhaften Hardware-Hersteller ein umfangreiches Archiv von 3592- und 3592/JA-Magnetbändern für die nächsten fünf Jahre zugänglich machen sollte. Gespeichert wurden die Daten vormals unter dem Tivoli Storage Manager. Im Tape-Labor wurden dann die Magnetbänder ausgelesen, indexiert und katalogisiert, sodass der Kunde in der Lage war auf sein Tivoli-System komplett zu verzichten und nur im Bedarfsfall bei einer Compliance-Prüfung auf ein Restore-on-demand bei uns zurückzugreifen.

Diese beiden Fälle zeigen ziemlich deutlich, wie umfangreich und spannend das Spektrum meiner Tape-Service-Projekte ist. Und ich bin eigentlich immer wieder gespannt, welche neue Herausforderung auf mich wartet, denn es gibt immer wieder neue Tape-Schätze, die bei unseren Kunden gehoben werden und von uns wiederhergestellt werden sollen. (Sie wollen mehr über Datenrettung erfahren, dann lesen Sie auch die beiden vorigen Beiträge hier und hier…)

Armagan Cekmez