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Den Reinraum „entmystifiziert“

Wenn man einen Datenverlust das erste Mal erlebt und sich zuvor niemals mit der Materie auseinander gesetzt hat steht man oft – egal ob als Privatmann oder Unternehmensmitarbeiter – vor der Qual der Wahl. Welchen Datenrettungsanbieter soll ich nehmen, wer macht den besten Eindruck und wer ist kompetent? Außerdem: Was ist eigentlich ein Datenrettungs-Reinraum und was ist das Datenrettungs-Labor?

Zunächst einmal: Wie bei allen Entscheidungen sollte man sich auch bei der Auswahl eines Datenrettungsunternehmens ausreichend Informationen über die Kompetenz und die bisherigen erfolgreichen Datenwiederherstellungen einholen. Gleichzeitig sollte man sich auch über die eingesetzten Prozesse bei den unterschiedlichen Firmen klarwerden.

Anders als bei anderen Anbietern ist die Datenrettung bei uns zweigeteilt: Nachdem das zu rettende Speichermedium eingegangen ist, wird zunächst geprüft, ob es mit normalen Mitteln von einem Betriebssystem ansprechbar ist. Ist das nicht der Fall, kommt der Speicher – zum Beispiel eine Festplatte – zu uns in den Reinraum. Wenn ja, dann wird das Datenmaterial sofort sorgfältig ausgelesen und auf einen unserer Server übertragen, damit das Originalmedium nicht inhaltlich beschädigt wird, wenn später an der logischen Datenstruktur im Datenrettungs-Labor gearbeitet wird. Das heißt einfach ausgedrückt: Wir Reinraum-Ingenieure arbeiten an der physischen Wiederherstellung des Datenträgers, während unsere Kollegen – die Labor-Ingenieure – für die logische Wiederherstellung der komplexen Datenstrukturen und/oder der Daten verantwortlich sind. Ohne einen funktionsfähigen Datenträger oder Speicher können sie deshalb erst gar nicht mit ihrer Arbeit anfangen.

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Wie sieht die Arbeit im Reinraum normalerweise aus?

Meine Kollegen und ich machen sich zunächst an die Fehlersuche. Da jeder Fall individuell ist, kann man nicht von einem typischen Prozess sprechen. Meistens sieht er allerdings folgendermaßen aus: Zunächst wird die Festplatte geöffnet, der Schreib-/Lesekopf unter dem Mikroskop untersucht und die Widerstände gemessen. Ist der Kopf defekt, wird er zunächst gereinigt und versucht ihn zum Laufen zu bringen. Manchmal muss man ihn (oder auch andere mechanische Teile) entweder austauschen oder reparieren. Dafür halten wir an allen unseren Reinraum-Standorten in der ganzen Welt jeweils auch ein umfangreiches Ersatzteillager vor. In Böblingen beispielsweise werden Festplatten der vergangenen letzten 15 Jahre gesammelt und für die Reparatur eingesetzt.

Da es eine Vielzahl von verschiedenen Festplattenversionen derselben Hersteller gibt, ist hier auch das gesammelte Wissen unserer Ingenieure gefragt. Wir wissen halt aus unserer jahrelangen Erfahrung welcher Schreib-/Lesekopf einer Festplattencharge zu einer anderer Ausführung passt und welche eben nicht. In einigen Fällen müssen zudem Teile feinmechanisch nachgebaut werden, um den Datenträger reparieren und die Daten auslesen zu können. Wenn die Harddisk schließlich wieder läuft und ein Betriebssystem darauf zugreifen kann, werden die Daten auf einen Kroll Ontrack Server übertragen und, wenn offensichtlich ist, dass die Datenstruktur ebenfalls Fehler aufweist, an unsere Ingenieur-Kollegen aus dem Labor weitergeben. Wurden durch die Reparatur des Datenträgers bereits alle Daten wiederhergestellt, werden die geretteten Daten auf eine neue Festplatte übertragen und dem Kunden zur Verfügung gestellt.

Bei der Datenrettung von mobilen Geräten oder Flashspeichern ist der Vorgang vom Prinzip her ähnlich. Auch hier versuchen wir zunächst herauszufinden welches Bauteil defekt ist, und, da bei elektronischen Bauteilen meistens eine Reparatur nicht möglich ist, wird es zum Auslesen ersetzt. So kommt es bei Flashspeichern häufig zum Ausfall des Controllers. Damit können die Speicherchips nicht mehr angesprochen werden. Hier werden die Speicherchips ausgebaut und auf eine andere – mit einem passenden Controller versehene – Platine transferiert.  Auf der Kroll Ontrack Webseite findet man mehrere sehr informative Videos, die die Arbeiten im Reinraum sehr gut erklären.

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Warum arbeiten wir Reinraum-Ingenieure nicht im Schutzanzug?

Anders als viele andere Datenrettungsdienstleister auf Fotos den potentiellen Kunden glauben machen wollen, ist es für uns Ingenieure aus dem Reinraum nicht nötig in Ganzkörper-Schutzanzügen unsere Arbeit zu verrichten. Schließlich ist mit der hochwertigen Absauganlage im Rahmen eines Reinraums der Klasse 100, dem staubfreien Arbeitsplatz und den vorgeschriebenen Handschuhen und Arbeitskitteln ausreichend dafür Sorge getragen, dass bei der Reparatur beschädigter Festplatten keine Schmutzpartikel oder Hautfette auf die Datenträger gelangen. Außerdem sind nicht nur die Reinräume mit speziellem anti-statischem Bodenbelag ausgelegt, auch unsere Arbeitsschuhe leiten elektrische Ladungen ab. Stromschläge durch elektrostatische Entladungen können so gänzlich vermieden werden.

Das ist besonders deshalb wichtig, da neben den elektronischen Bauteilen einer Festplatte eben auch Controller oder Speicherchips eines mobilen Gerätes wie z.B. eines Smartphones überprüft oder ausgetauscht werden müssen, um die Kundendaten wiederherstellen zu können. Aber dass wir an Festplatten in einem Schutzanzug arbeiten sollten, ist völliger Unfug und wenn man es bei anderen Dienstleistern im Internet sieht, ist es eigentlich nur „Show“ und soll wahrscheinlich Professionalität beweisen. Schließlich arbeiten wir Ingenieure bei Kroll Ontrack zum einen in der Datenrettung und nicht in der Produktion von Festplatten ( wo man ein Reinst-Raum der Klasse 10 und niedriger benötigt) und zum anderen werden wir nicht einer gefährlichen Strahlung oder sonstigen Gefahren ausgesetzt, schließlich arbeiten wir hier nicht mit radioaktiven oder chemischen Stoffen.

Martin Hiller, Leiter des Datenrettungs-Reinraumes in Böblingen

Im nächsten Blog zur Arbeit der Kroll Ontrack Reinraum-Ingenieure stellen wir einen konkreten Datenrettungsfall beispielhaft vor und erklären ausführlich, wie die verschiedenen Herausforderungen bei diesem Auftrag erfolgreich gemeistert wurden.

Bildmaterial: Kroll Ontrack