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Die Rolle des Magnetbands im modernen Rechenzentrum – Teil 1

Magnetband

Interview mit Christian Prella, Key Account Manager Tape Services bei Kroll Ontrack Böblingen

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Redaktion: Herr Prella, das Magnetband ist ja jetzt schon seit Jahrzehnten im Rechenzentrum im Einsatz. Ist das Tape denn heute überhaupt noch zeitgemäß?

Prella: Aber sicher! Gerade in den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass das Magnetband als langlebiges Speichermedium alles andere als tot ist. Dazu beigetragen hat sicherlich die Tatsache, dass Tapes im Gegensatz zu den traditionellen Festplatten und zu den Chip-basierten SSDs oder FLASH-Speichern deutlich günstiger, gemessen am Speicherplatz, sind. Wenn man zusätzlich den Strombedarf bei Festplatten rechnet, wird der Unterschied noch deutlicher. Aber neben den Kosten ist der entscheidende  Faktor die Langlebigkeit. Während Festplatten nach rund 5 bis 10 Jahren, je nach Nutzung, den Geist aufgeben, können Tapes, bei richtiger Lagerung mehr als 30 Jahre halten.

Redaktion: Ist das Ihre Einschätzung oder haben Sie dafür auch konkrete Beweise?

Eine globale Umfrage, die wir letztes Jahr unter 720 IT-Spezialisten aus Unternehmen und IT-Dienstleistern gemacht haben, zeigt die hohe Nutzung von Magnetbändern. 34 Prozent aller Befragten haben mehr als 100 Legacy Tapes gelagert und davon haben 12 Prozent sogar mehr als 500 Tapes in ihrem Bestand.

Redaktion: Wozu werden die Tapes genutzt?

Prella: Aus einer anderen Umfrage von uns aus dem Jahr 2014 können wir ableiten, dass Tapes zu jeweils rund der Hälfte zu Backup-Zwecken oder zur Archivierung eingesetzt werden. Die Studie ergab, dass 45% für die Archivierung und 55 % für Backups eingesetzt werden. Zwar zeigen die Ergebnisse sehr deutlich, dass immer noch mehr Tapes für Backups eingesetzt werden, allerdings sehen wir mittel und langfristig den Trend, dass in Unternehmen Tapes nicht mehr so stark für Backups eingesetzt werden.

Redaktion: Warum ist das so?

Prella: Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Normalerweise ist es ja so, dass tages- oder wochenaktuelle Backups recht schnell wieder aufgerufen werden sollen, wenn es zu einem Ausfall des IT-Systems kommt, damit man das System wieder zum Laufen bekommt oder verschwundene Daten schnell wiederherstellen kann. In der Realität ist es allerdings so, dass gerade ältere Tape-Software-Lösungen nicht gerade schnell die benötigten Daten von den Tapes ziehen können. Dabei gilt: Je größer die Datenmenge, desto größer der Zeitaufwand.

Redaktion: Aber das ist doch nicht der einzige Grund, warum sich die Nutzung von Tapes verlagert?

Prella: Nein, es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund, warum Tapes immer länger aufbewahrt werden müssen und sich der Anteil deshalb Richtung Archivierung verschiebt: Die meisten Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, Daten lange aufzubewahren und für eine bestimmte Zeit den Zugang zu gewährleisten. Daher ist es wichtig, dass nicht nur die Daten lange aufbewahrt werden können, sondern dass sie auch im Anforderungsfall schnell „gehoben“ werden können.

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Redaktion: Bekommen das die Unternehmen denn auch hin?

Prella: Unternehmen und ihre Rechenzentren stehen da vor sehr großen Schwierigkeiten. Überreizte IT-Ressourcen und der Fakt, dass fast ein Drittel der Organisation Schwierigkeiten damit haben, den Inhalt ihrer gespeicherten Daten auf Backup-Tapes oder im Archiv wirklich zu kennen, ist die eigentliche Herausforderung für die Verantwortlichen heute. Und gerade das kann ein Unternehmen ernstlich gefährden, wenn sie nicht in der Lage sind, Zugang zu Daten in der vorgegebenen Zeit zu gewährleisten.

Redaktion: Was sind denn die Herausforderungen bei der Verwaltung dieser sogenannten Legacy Tapes?

Prella: Unternehmen und ihre Rechenzentren stehen dabei vor mehreren Herausforderungen, wenn sie Zugang zu oder Auswertungen von Daten aus Legacy Archiven oder Backup-Tapes durchführen wollen. Die Folge sind schwerwiegende Compliance oder regulatorische Risiken für die Firma. Zu den wichtigsten Herausforderungen laut unseren Umfragen gehören dabei:

  • Alte Tapes und antike Hardware machen die ordnungsgemäße Funktionalität der Ausrüstung zu einer echten Herausforderung: 56 Prozent der befragten Unternehmen verwalten Tapes, die älter als 5 Jahren sind, 34 Prozent verwalten Tapes, die zwischen 5 und 10 Jahre alt sind und 21 Prozent verwalten Tapes, die älter als 10 Jahre sind. Dabei müssen sowohl die Tapes als auch die Hardware permanent gewartet und geprüft werden. Außerdem wird es immer schwerer Ersatzteile oder Treiber für die Hardware zu besorgen.
  • Wiederherstellungsanfragen aus dem Unternehmen und von außerhalb werden immer häufiger! Das stellt gerade die Tape-Manager vor zusätzliche Schwierigkeiten. 30 Prozent aller Befragten bekommen tägliche, wöchentliche oder monatliche interner Restore-Anfragen, weitere 32 Prozent werden mehrmals im Jahr zu Wiederherstellungen aufgefordert.
  • Die Bearbeitung der Wiederherstellungsanfragen ist kosten- und ressourcenintensiv: Die beauftragten IT-Abteilungen sind oftmals wegen der technischen Herausforderungen nicht in der Lage die Wiederherstellungen on-time durchzuführen. Laut unseren Erhebungen können 22 Prozent der Befragten nicht auf Anfragen eingehen, wie sie vom Unternehmen gefordert wurden und können nicht durchgehend die gewünschten Daten lokalisieren geschweigen denn auf sie zugreifen.

Redaktion: Aber warum ist es eigentlich so schwierig für Firmen auf Legacy-Daten zuzugreifen?

Prella: Unsere Umfragen haben die Gründe schonungslos  ans Licht gebracht, von den befragten Unternehmen geben…

  • 43 Prozent an, dass sie durch die Schwierigkeiten bei den Wiederherstellungen und dem hohen Zeitaufwand beim Zugreifen und Durchsuchen der Tape-Inhalte, besonders gefordert sind
  • Weitere 24 Prozent bestätigen, dass ihr Unternehmen nicht mehr die notwendige Infrastruktur im Einsatz hat (Soft- und Hardware), um auf Legacy-Tapes zugreifen zu können und
  • 18 Prozent sehen es als zu kostspielig an, die notwendige Infrastruktur aufrecht zu erhalten.

Die wenigsten Teilnehmer an der Umfrage hatten allerdings mit defekten Tapes zu kämpfen. Das war nur bei 7 Prozent der Fall.

Diese Gründe werden noch dadurch verstärkt, dass viele Unternehmen nicht nur ein Backup-System am Laufen halten, sondern mehrere. So haben fast 50 Prozent zwei oder mehr Systeme im Einsatz, was zu Overhead-Kosten und weiteren Herausforderungen für die Verwaltung der Systeme führt.

Redaktion: Glauben Sie das die Situation besser wird?

Prella: Nicht wirklich! Alle Unternehmen versuchen die Kosten ihrer IT-Infrastruktur konsequent zu senken.

Lesen Sie auch den zweiten Teil dieses Interviews am Donnerstag, den 5. Mai und erfahren Sie, welche Möglichkeiten Unternehmen und moderne Rechenzentren haben das Problem der Legacy Tapes zu lösen …

>>> Die Rolle des Magnetbands im modernen Rechenzentrum – Teil 2

Bildnachweis: wikimedia.org (Erstes Bild) & Kroll Ontrack Böblingen