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Gegen das Vergessen

Gilgamesch-Epos

Die Erfindung der Schrift vor 7000 Jahren hat die Welt radikal verändert, auch die Erfindung des Buchdrucks war eine Revolution. Handgeschriebene oder gedruckte Texte haben bis heute Bestand – für Bilder gilt sinngemäß das Gleiche.

Ebenso einschneidend ist die heute gängige Digitalisierung von Information. Aber sind diese Daten auch noch für die nächste und übernächste Generation nutzbar? Früher stand in einem gut sortierten Haushalt ein mehrbändiges Lexikon im Bücherregal. Die Moderne kam mit CD-Sammlungen wie die des „National Geographic Magazine“. Klasse Reportagen, super Bilder – nur kann man heute nichts mehr damit anfangen, es sei denn, man besitzt noch einen Rechner mit einem völlig veralteten Betriebssystem.

Ebenfalls einen festen Platz hatten die Fotoalben, die zu besonderen Anlässen immer wieder durchgeblättert und gerne auch den nachfolgenden Generationen vererbt wurden.

Wie wird das in Zukunft aussehen? Der Zukunftsforscher Jeff Rothenberg sagte einmal: „Gott sei Dank hat Moses die zehn Gebote nicht auf einer CD hinterlassen.“ Niemand würde sie heuten noch kennen, wenn es so wäre. Es ist heutzutage so einfach, Informationen zu speichern, dass sich kaum jemand Gedanken macht, ob diese Speicherung auch wirklich von Dauer ist. Aber: sie ist es nicht. Digitale Formate wechseln, Rechnergenerationen veralten, und Programme sind nicht mehr up to date. Zwar werden einige Text- und Bildformate noch lange benutzt werden, aber über kurz oder lang ändert sich die „normale“ Nutzung, andere und bessere Formate verdrängen die alten, gewohnten.

Für digitale Archivare bedeutet das viel Arbeit. Sie müssen sich nicht nur darum kümmern, dass die Daten vor Verlust durch Alterung des Trägermaterials geschützt werden, sie müssen sich auch um die zukünftige Lesbarkeit kümmern und dafür sorgen, dass Informationen in neuere Formate konvertiert werden.

Vinton Cerf ist 72 Jahre alt, gilt als einer der Väter des Internet und ist heute Vizepräsident von Google. Er hat einen guten Rat zur Hand: „Wenn Sie Fotos haben, an denen Ihnen wirklich viel liegt, dann drucken Sie sie lieber aus.“ Die Zahl der auf digitalen Medien gespeicherten Bilder ist kaum vorstellbar. Auf USB-Sticks, Smartphones oder Tablett-PCs gespeichert gehen sie einem langsamen Tod entgegen. Wer seine wertvollen Inhalte auf Disketten gespeichert hat, ist heute schon kaum mehr in der Lage, darauf zuzugreifen. Cerf fürchtet nicht nur den Verlust der Fotos unserer Kinder, er hat Angst, „dass eine große Menge unserer Geschichte eines Tages fehlen wird“. Die Vernichtung großer Teile des menschlichen Wissens wie vor 2000 Jahren beim Brand der Bibliothek von Alexandria ist vorstellbar.

Vor knapp 4000 Jahren verewigte König Hammurapi von Mesopotamien seine Gedanken über Recht und Gerechtigkeit – auf steinerne Stelen. Sie sind heute noch zu entziffern, wie auch der kaum jüngere Gilgamesch-Epos (unser Bild), der in Tontafeln eingeritzt wurde. Mit ein wenig Umsicht werden diese Schriftstücke auch noch weitere tausend Jahre ihre Information halten können. Was wird von uns in 10, 100 oder 1000 Jahren zu lesen sein?

Heutige Archivare haben nicht selten einen ganzen Stall von uralten Maschinen im Keller – alte Atari und Commodore-Rechner sind genauso vertreten wie Robotron-Geräte aus der DDR und andere Exoten. Die Migration von alten Datenbeständen auf neuere Formate ist eine gigantische Aufgabe, die auch eine Menge Geld kostet. Und das Datenaufkommen wird immer größer.

Bernhard Preuss ist der Kulturgutbewahrer beim Bonner Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zuständig für die Bewahrung von Kulturgütern. Er schätzt, dass für die Speicherung eines Terabytes durchschnittlich etwa 100 Euro zu veranschlagen seien – und das alle fünf Jahre. Bei einem Zettabyte, also einer Milliarde Terabytes wären das 100 Milliarden Euro. Für das Jahr 2020 wird die Datenmenge weltweit auf 40 Zettabyte geschätzt.

Um dem Datenverfall entgegenzuwirken benutzt das Amt eine alte und erwiesenermaßen zuverlässige Technik. Wichtige historische Dokumente werden auf Mikrofilm belichtet. Dieser wird in Stahlbehältern in einem alten Bergwerkstollen eingelagert. Die Dichtungen der Fässer bestehen nicht aus alterndem Gummi sondern aus Kupfer. In 1500 Containern sind 35.000 Kilometer Mikrofilme gespeichert – die gesamte deutsche Geschichte, Werke großer Maler und Komponisten, Dichter und Denker. Auch in 500 oder 1000 Jahren soll das Material noch lesbar sein. Dieser „Zentrale Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland“ steht unter dem Sonderschutz der Haager Vereinbarung, was bedeutet, dass kein Soldat im Kampfeinsatz sich diesem Ort nähern darf.

Einen anderen – noch älteren – Weg geht der Österreicher Martin Kunze, ein gelernter Keramiker. Er bietet jedem an, Fotos und Texte, Kunst und Kultur, Alltägliches oder Sonderbares miniaturisiert und eingebrannt auf Keramikplatten in einem Alpenstollen einzulagern. Auf eine Platte von 20 mal 20 Zentimetern passen 35.000 Textzeichen. Eine solche Platte soll Jahrzehntausende überdauern.

Das Verschwinden von Informationen ist allerdings kein neues Phänomen. Papyrus und Pergament (die ersten zum Beschreiben benutzten Materialien) wurden häufig nach Gebrauch gewaschen oder der Inhalt einfach abgeschabt, um den „Datenträger“ wieder verwenden zu können – das Material war sehr teuer. Und wie bei heutigen Festplatten, bei denen Datenretter verschwundene Informationen wieder hervorholen können, konnten Altertumsforscher abgewaschene oder –geschabte Texte zumindest teilweise wieder lesbar machen. So wurde unter anderem Archimedes‘ Grundzüge der Integralrechnung wieder lesbar gemacht.

Bildquelle: wikimedia