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Selbstmord oder Mord?

Aus den Akten der Computer Forensik Spezialisten

Wirtschaftskriminalität, Wirtschaftsspionage, Erpressung, eheliche Untreue und sogar Mord – der Katalog der Fälle mit denen die forensischen IT-Spezialisten konfrontiert werden, ist fast so dick wie das ausgedruckte Strafgesetzbuch. Der Fall über den hier heute berichtet wird, ist eine Geschichte von Lügen und Verbrechen und passierte – obwohl der Ort eigentlich für Kontemplation und Reflexion bekannt ist – in einer Kirche und der direkt angrenzenden Umgebung.

Nebraska, USA: Pastor Bill Guthrie und seine Frau Sharon bieten das perfekte Modell einer amerikanischen Familie. Sie haben zwei erwachsene Töchter und sie engagieren sich sehr aktiv in Bills Pfarrei. Dieses schöne Bild verschwindet eines Tages als Sharon tot in der Badewanne aufgefunden wird.

Die Ermittler haben von Anfang an wenig Spuren. Die Autopsie der Frau zeigte keine Verletzungen oder Krankheiten die zu ihrem Tod hätten führen können. Die anfängliche Hypothese, dass Sharon an einem Herzinfarkt starb, wurde verworfen. Die Version, nach der die Frau infolge eines unglücklichen Unfalls ertrank wurde maßgeblich weiterverfolgt. Diese These schien durch die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchungen bestätigt, nachdem Sharons Blut große Mengen von gleich drei verschiedenen Schlafmitteln enthielt, von denen nur zwei von ihrem Arzt verschrieben worden waren. Das dritte Schlafmittel, Temazepan, wurde ihrem Mann verschrieben. Zu diesem Zeitpunkt der Ermittlungen wurde diese Erkenntnis jedoch in keiner Weise mit der Art wie die Frau zu Tode gekommen ist, in Zusammenhang gebracht. Es stellte sich heraus, dass die Frau bereits über einen langen Zeitraum hinweg ihre Medikamente überdosierte – aufgrund einer Überdosis von Asthma-Medikamenten wurde sie bereits ein paar Monate zuvor ins Krankenhaus eingeliefert. Es konnte also durchaus so gewesen sein, dass sie die Medikamente ihres Ehemannes absichtlich oder unabsichtlich genommen hatte.

Unglücklicher Unfall, Selbstmord oder Mord?

Die Ermittler unterstützten zunehmend die Hypothese, nach der Sharon Guthrie aufgrund einer Überdosis an Schlaftabletten ertrank. Doch im Verlauf der Untersuchung wurden zunehmend die dunklen Seiten ihres Mannes, des Kirchenvertreters, offenbar. Es ging das Gerücht in der Gemeinde um, nachdem der Pfarrer eventuell seiner Frau dabei geholfen haben könnte in die andere Welt überzutreten… und das Motiv dafür könnte eine andere Frau gewesen sein. Aus diesem Grund entschlossen sich die Ermittler den Pfarrer genauer zu beleuchten.

Als dann auch die Geliebte des Pastors bei der Geschichte auftauchte, beschlossen die Ermittler den untreuen Ehemann endgültig zu überprüfen. Da keine anderen Spuren zur Verfügung standen, wurden seine Computer – ein privater und ein der Pfarrei gehörender – beschlagnahmt. Bereits nach oberflächlicher Analyse gelang es den Ermittlern, umfangreiche und bunte Korrespondenz zwischen dem geistlichen und seiner Geliebten zu finden. Dennoch enthielten die E-Mails keine Informationen zu einem Mord. Daraufhin wurden die Geräte einem Spezialisten der forensischen IT gegeben. Seine Arbeit führte zu neuen Beweisen in diesem Fall:

  • Der forensische IT-Spezialist begann seine Untersuchung mit dem einzigen Indiz, dass ihm zur Verfügung stand, bei dem der Tod der Frau mit ihrem Mann in Verbindung gebracht werden konnte: dem Arzneimittel namens Temazepam. Es stellte sich heraus, dass der Produktname wie auch eine Beschreibung der Auswirkungen des Arzneimittels mit dem Computer des Pfarrers gesucht, heruntergeladen und abgespeichert wurde. Das allein ist allerdings kein Verbrechen.
  • Allerdings war es doch sehr alarmierend, dass einige Wochenbevor Sharon Guthrie starb, die folgende Suche auf dem Computer des Ehemannes abgefragt wurde: Tödlicher Unfall in der Badewanne“…

Der Pfarrer wurde offiziell zum Hauptverdächtigen in diesem Fall.

Die Nachweise, die von dem Computer gesammelt wurden, waren aber für sich gesehen nur Indizien, aber sie waren so überzeugend, dass sogar die Töchter begannen, die Unschuld des Vaters anzuzweifeln. Obwohl die Indizien nicht ausreichten, um den Pfarrer des Mordes zu überführen, zog sich die Schlinge immer weiter zu und zerrten zusehends an seinen Nerven.

Abschiedsbrief

Neue Beweise zur Unschuld des Priesters wurden während des Prozesses präsentiert. Die Verteidigung stellte einen Abschiedsbrief der Verstorbenen vor – wie durch ein Wunder von Bill gefunden – indem die Frau sich bei der Familie für ihre Entscheidung entschuldigt. Wenn der Brief wirklich echt gewesen wäre, hätte es sich um einen ausreichenden Beweis dafür gehandelt, dass es sich tatsächlich um einen Selbstmord gehandelt hatte.

Dass das Schreiben auch noch auf einem Computer geschrieben und ausgedruckt wurde, machte es noch komplizierter für die Ermittler. So war es nicht möglich graphologische Tests zur Bestimmung der Autorenschaft durchzuführen. Der Ausdruck hatte keine Zeitangabe, abgesehen von dem in der Kopfzeile geschriebenen Datum – der Tag vor Sharons Todestag. Insgesamt sehr vorteilhafte Umstände für Bill!

Der Staatsanwalt hatte eine harte Nuss zu knacken. Er beauftragte den forensischen IT-Spezialisten erneut. Daraufhin analysierte der Spezialist den Computer des Verdächtigen ein weiteres Mal. Es wurden keine Spuren des Dokuments darauf gefunden. Allerdings bekamen die Ermittler durch eine Tochter unerwartet Unterstützung. Sie lieferte ihnen einen Computer, der ihr von ihrem Vater einige Wochen vor dem Prozess gegeben wurde.

Die Analyse der Festplatte zeigte, dass das Dokument – der Abschiedsbrief der Frau – auf diesem betreffenden Computer geschrieben wurde. Obwohl das Dokument entfernt wurde, blieb die Spur und die Metadaten des Erstellungsdatums – 3 Monate nach Sharons Tod – intakt und konnten wiederherstellt werden. Dank der Hartnäckigkeit des Staatsanwalts konnten den Geschworenen so schlüssige Beweise für die Schuld des Pfarrers präsentiert werden.

Der Reverend Bill Guthrie wurde vom Gericht zu lebenslanger Haft für Mord ersten Grades (mit Vorsatz) an seiner Frau Sharon Guthrie verurteilt. Und letztlich kam die Wahrheit nur dank der Informationen, die vom digitalen Datenträger wiederhergestellt werden konnten, ans Licht…

Bildnachweis: Jörg Brinckheger/pixelio.de