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Wie man einen physikalischen Festplattenfehler „diagnostiziert“, ohne weiteren Schaden zu verursachen

Interview mit dem Leiter des Kroll Ontrack Reinraums, Herrn Martin Hiller

Martin Hiller

Redaktion: Herr Hiller, viele Computerbenutzer informieren sich heutzutage darüber, was im Falle eines physikalischen Festplattendefekts zu tun ist, im Internet – auf Webseiten, Blogs, Foren etc. – anstatt sofort mit einem professionellen Datenrettungsdienstleister in Kontakt zu treten. In vielen Fällen laden sie hoch spezialisierte Werkzeuge herunter und verwenden diese, um sogar auf physikalisch beschädigte Festplatten zugreifen zu können, nachdem sie davor schon erfolglos eine Datenrettungssoftware ausprobiert haben. Was halten Sie davon?

Hiller: Sie haben Recht, es gibt viele im Internet frei verfügbare Werkzeuge, um physikalisch ausgefallene Festplatten zu „fixen“, die wirklich hoch entwickelt sind. Aber da einige von ihnen auch wirklich low-level auf das Laufwerk zugreifen können, sind sie gleichzeitig auch gefährliche Werkzeuge. Wenn man dann nicht weiß, was man tut, kann man seiner Festplatte und seinen Daten viel Schaden zufügen.

Redaktion: Warum ist das so?

Hiller: In vielen Fällen, wenn wir von einem physikalischen Festplattendefekt reden, handelt es sich eben nicht um einen Headcrash, bei welchem das Laufwerk aus großer Höhe heruntergefallen ist. Da kann ein normaler Nutzer typischerweise nichts mehr machen. Die anderen Fälle – und über die reden wir hier – sind viel häufiger. Hier ist die Magnetfeldstärke an einer bestimmten Stelle auf der beschichten Platte nicht mehr hoch genug, um Daten auslesen zu können oder eben ganz verschwunden. Dann kommt die automatische Fehlerreduktion der Festplatte ins Spiel: Wenn die Fehlerreduktion der spezifischen Festplatte diese Lesefehler nicht lösen kann, werden Fehlerprotokolle in die Fehlertabelle geschrieben. Je mehr Fehler die Festplatte findet, desto mehr Fehler schreibt sie auch in die Tabelle. Wenn es zu viele Fehler sind, dann läuft die Fehlertabelle über und das führt dazu, dass die Festplatte nicht mehr startet.

Redaktion: Was kann der Nutzer dann machen?

Hiller: Um ehrlich zu sein, in diesem Fall sollte er am besten in Kontakt mit einem Datenrettungsexperten treten. Ich weiß, dass es mehrere kostenlose – sehr spezialisierte – Tools zum Download im Internet gibt, um auf die Fehlertabelle von Festplatten zuzugreifen. Mit diesen Tools kann der Benutzer auf den sogenannten Servicebereich einer Festplatte und auf die Fehlertabelle (error table oder auch defects table genannt) zugreifen. Aber ich warne sehr dringend davor, das ohne das richtige Wissen zu tun.

Redaktion: Warum warnen Sie davor?

Hiller: Mit diesen Werkzeugen ist es möglich, die Fehlertabelle zurückzusetzen oder gar die Inhalte zu löschen. Die Fehlertabelle besteht aus zwei verschiedenen Listen: Die wachsende (growing) Fehlertabelle (G-Liste) und die permanente Fehler-Tabelle (P-Liste). Einfach ausgedrückt enthält die P-Liste Informationen über permanente defekte Sektoren (bad sectors) auf dem Laufwerk, wo Daten nicht mehr gespeichert werden können, da diese Sektoren für den Zugriff durch das Betriebssystem verboten sind. Die G-Liste speichert Informationen über Sektoren, die bei der Verwendung des Datenträgers beschädigt wurden. Während es möglich ist, Inhalte der G-Liste zu löschen, ohne irgendwelche Daten zu beeinträchtigen, da diese immer noch auf demselben Speicherplatz liegen, können Sie eine Datenwiederherstellung zu einem Alptraum werden lassen, durch Ändern oder Löschen von Inhalten der P-Liste. Denn dadurch ändern Sie gleichzeitig auch die Adressierung der gespeicherten Dateien auf dem Datenträger. Wenn Sie Glück haben, startet Ihr Laufwerk wieder hoch und Ihre Daten werden sich irgendwo anders auf der Festplatte befinden. Wenn Sie nicht so glücklich sind, wird Ihr Laufwerk immer noch nicht starten und Ihre Dateien sind dann schwerer von einem beauftragten Experten zu finden. In vielen Fällen, wenn die P-Liste “korrigiert” wurde, ist es fast unmöglich, wieder auf das Laufwerk zuzugreifen und Daten wiederherzustellen.

Einige Werkzeuge bieten die Möglichkeit, eine andere P-Liste einer Festplatte derselben Marke hochzuladen, um sie wieder zum Starten zu bringen und auf das Laufwerk zugreifen zu können. Wenn dies nicht funktioniert, kann der Datenrettungsspezialist in den meisten Fällen dann allerdings immer noch den Datenträger und die gespeicherten Daten abrufen. Aber das hängt immer noch von dem konkreten Fall ab.

Redaktion: Was ist dann Ihr Rat?

Hiller: Wenn Sie ein ganz normaler Benutzer sind – entweder privat oder sogar in der IT-Abteilung – und Sie wollen nicht beruflich in die Datenrettung einsteigen, sollten Sie nicht versuchen, die Festplatte selbst zu reparieren, auch wenn Sie die hochspezialisiertesten Werkzeuge, die es auf dem Markt gibt, zur Verfügung haben. Die Chancen sind groß, dass Ihre Bemühungen nicht erfolgreich sein werden und Ihre Daten für immer verloren sind.

Wenn Sie allerdings nicht viel Wert auf Ihre Festplatte und die darauf gespeicherten Daten legen und Sie ausprobieren möchten, was passiert, wenn Sie Einstellungen in Fehlertabellen ändern, dann können Sie das auf eigene Gefahr mit einer alten Festplatte versuchen. Und wenn Sie dann so erfolgreich sind, dass Sie die Festplatte wieder aufrufen und danach vollständige Dateien wiederherstellen können, dann sollten Sie vielleicht über einen Job in der Datenwiederherstellung nachdenken.

Aber der beste Rat ist immer noch, die normalen S.M.A.R.T. Tools Ihrer Festplatte zu nutzen und die Qualität Ihres Laufwerks und seine Lebenserwartung regelmäßig zu überprüfen. Wenn es zu viele schlechte Sektoren gibt und die Lebenserwartung recht niedrig ist, ist es definitiv Zeit, vorab Ihre Daten zu retten und zu sichern und sich ein neues Laufwerk zu kaufen.  Auf diese Weise vermeiden Sie Probleme und dass Sie am Ende überhaupt Daten verlieren.

Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch und die Erläuterungen zu dieser Problematik.

Hiller: Sehr gerne.

Bildnachweis: Azz Bad/www.pexels.com/CC0 license